Ich war gestern auf dem Weg ins Babylon für einen Filmabend mit meinem Verlobten. Ich war davor in der Bibliothek des Sprachenzentrums der HU und weil es ziemlich stark regnete, bin ich mit dem Bus der Linie 100 von Unter den Linden zum Kino gefahren. Während ich so auf den Bus wartete, einstieg und herumflickte, fiel mir so einiges auf. Besonders die vielen Touris, die immer wieder ein- und ausstiegen: bei der Staatsoper, der Museumsinsel, der Marienkirche und beim Alexanderplatz. Es waren nur fünf Haltestellen, bevor der Bus bei der Endstation ankam, aber das genügte für einen Schub an Gedanken über eine besondere Person: meine Mama.
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Als ich vor knapp zwei Jahren nach Berlin gezogen bin, ist sie mit mir gemeinsam hier hochgefahren und blieb eine Woche, um mir beim Einräumen und Eingewöhnen in meine neue Wohnung zu helfen. Wir gingen gemeinsam einkaufen und waren richtig stolz, als mein neues Zuhause sich mehr und mehr wie eines anfühlte. Mit den Möbeln meines alten Zuhauses, vielen Bildern und meiner Mama, die überall ein wenig Mama versteckte, war das auch gar nicht so schwer. Es war super beruhigend, nach Hause zu kommen, und ich war nicht sofort alleine. In dieser Woche war auch die Willkommenswoche meiner Uni, weswegen ich für ein paar Einführungsveranstaltungen da hin musste.. oder eher wollte! Für Mama war das kein Problem, sie würde sich den Tag über in Berlin beschäftigen. Abends trafen wir uns im Zentrum zum Abendessen und erzählten uns von unserem Tag.
Nachdem ich ihr von meinen Erlebnissen und Eindrücken erzählt habe, habe ich sie gefragt, ob sie denn wie geplant eine Bustour gemacht hat. Daraufhin verkündete sie mir stolz von einem Gespräch, bei dem ihr eine Berlinerin an der Bushaltestelle den Tipp gegeben hat, anstelle eines Hop-on-Hop-off-Busses lieber die Linien 101 und 100 abzufahren. So kann sie auf deutlich billigere Weise die gleichen Standorte abklappern, die sie hier in Berlin interessierten, wie mit einer Tour. Das hat sie dann auch gemacht und war deswegen super zufrieden mit ihrem gesamten Tagesablauf.
| Auf dem Weg nach Berlin |
Ich bewundere das an ihr. Zum einen das Interesse an fremden Orten, das Interesse, Neues zu entdecken und Bekanntes aus Filmen, Büchern oder Gesprächen in Wirklichkeit vor sich haben zu wollen. Ihre Neugierde ist nie gestillt. Erst dann, wenn sie selbst an diesen Orten war, ist es genug. Sie will es selbst erleben. Bei meinen Reisen ist mir aufgefallen, dass ich so eine starke Neugier gar nicht selbst besitze. Klar, ich will auch an neue Orte reisen und Außergewöhnliches erleben, aber oft reicht es mir, damit in Filmen oder auf Social Media bekannt gemacht zu werden, und der Drang ist gestillt. Bin ich dann doch da, habe ich natürlich Spaß dabei, aber ich wünschte, ich hätte manchmal mehr von Mamas Entdeckungslust.
Zum anderen ist Mama voll mit Offenheit Neuem gegenüber. Sie hat keine Angst davor, andere Menschen anzusprechen und nach Rat zu fragen, oder ihre Hilfe anzubieten – klar, man könnte das Ganze ab einem bestimmten Grad auch als Naivität bezeichnen, aber ohne diese Offenheit wäre der Mensch nicht, wer er sein sollte. Und anders als viele Menschen meiner Generation, die mit zu viel Cringe, Fremd- und Selbstscham gefüllt sind und lieber für eine Stunde auf Reddit nach Lösungen suchen, anstatt der/die Nachbar:in bei Problemen um Hilfe zu bitten, hat sie keine Angst vor diesem Kontakt mit Fremden. Hier habe ich mir schon viel von ihr abgeschaut. Ich habe auch keine Scham davor, um Hilfe zu bitten, und befürchte nicht, damit mein Gegenüber zu belästigen. Die Stärke der Menschen liegt im Austausch und ich versuche, jeden Tag mehr und mehr an Leichtigkeit dabei zu gewinnen. Aber an meine Mama komm ich dabei noch lange nicht ran!
Ein Beispiel hierfür ist ihre Zugfahrt zurück nach Hause von Berlin. Innerhalb von vier Stunden im ICE hat sie sich mit einer Frau angefreundet, die ihr im 4er-Sitz gegenüber saß. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie es dazu kam, aber als ich sie späten Nachmittags anrief und mich nach ihrer Fahrt erkundigte, meinte sie nur, was für eine schöne Unterhaltung sie die letzten Stunden geführt habe. Nachdem ich sie fragte, mit wem, erklärte sie nur: „Mit dieser netten Frau im Zug!" Sie haben sich über ihre Kinder und ihr Leben ausgetauscht und dabei die vier Stunden im Zug deutlich schneller vergehen lassen. Ich bin schon viel Zug gefahren, besonders seitdem ich in Berlin wohne. Aber zu einer neuen Bekanntschaft ist es bei mir noch nie gekommen und das liegt definitiv daran, dass ich mithilfe von Kopfhörern, Buch, Laptop oder anderem Zeitvertreib nicht wirklich interessiert an Fremden wirke. Manchmal bin ich es auch wirklich nicht, aber manchmal wäre vermutlich gar nicht mal was Schlechtes dran, lockerer zu werden und mich für neue Begegnungen zu öffnen.
༝༚༝༚, Kat
Ein Hoch auf die Mamas ! Ein schönes Vorbild, gerade im Zug kann man eigentlich gut mit Menschen ins Gespräch kommen, kann ich mir auch eine Scheibe von abschneiden :)
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